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18.09.2008
Pole Poppenspäler - Kontext von Storms Werken

Kontext von Storms Werken

 

 

Die Novelle „Pole Poppenspäler“ ist eine der wenige Auftragsarbeiten, die Storm angenommen hat. Als der Schriftsteller und Journalist Julius Lohmeyer (1835-1904) die Herausgabe einer neuen Zeitschrift plante, die im Verlag Alphons Dürr in Leipzig erscheinen sollte, wandte er sich an einige der bekannten Schriftsteller und lud sie zur Mitarbeit ein. Lohmeyer plante, mit seiner Zeitschrift „Deutsche Jugend“ einen neuen Typus von Familienzeitschrift zu begründen, die sich ausschließlich an jugendliche Leser wendete, also an Schüler und Schülerinnen der gebildeten Klassen, und in der er neben Sachthemen auch literarische Beiträge veröffentlichen wollte. Neben Storm schrieb er auch an Emanuel Geibel, Eduard Mörike und Friedrich Rückert.

Storm hatte gerade seine Novelle „Viola tricolor“ abgeschlossen, in der er sich mit einem sehr heiklen Familienproblem auseinander setzt; die Idee stammte aus seinem eigenen Erfahrungsfeld nach dem Tod seiner ersten Frau Constanze (1865) und der Wiederverheiratung mit Dorothea. Trotz des triefgreifenden Familienkonfliktes, das er in die Novelle projizierte, erfand er eine Art Happyend und wich von seiner sonstigen Gewohnheit ab, dramatische Konflikte auch dramatisch aufzulösen. Zwar lassen sich versöhnliche Momente in den Novellen dieser Jahre häufiger finden, aber die Stärke des Autors lag in der dramatischen Gestaltung von Lebensläufen, die misslingen und in Katastrophen enden. Vielleicht kam ihm ein Thema in den Sinn, das er leichter hoffte gestalten zu können, denn von vornherein stand für ihn fest, eine Geschichte zu schreiben, die einen guten Ausgang haben sollte. Sicher spielte für die Wahl des Themas auch die Tatsache eine Rolle, dass er nun für jugendliche Leser schreiben musste, ein Feld, auf dem er nur wenig Erfahrungen besaß.

In einem Nachwort für die erste Buchausgabe nahm Storm zum Problem der Jugendschriftstellerei Stellung:

Storms Nachwort

Als bei Begründung der Zeitschrift ‚Deutsche Jugend‘ auch meine Mitarbeiterschaft gewünscht wurde, vermochte ich, ungeachtet meiner Teilnahme für das so reich ausgestattete Unternehmen, dem Verlangen der Herren Herausgeber nach einer novellistischen Arbeit erst nach geraumer Zeit zu genügen.
Die Schwierigkeit der ‚Jugendschriftstellerei‘ war in ihrer ganzen Größe vor mir aufgestanden. ‚Wenn du für die Jugend schreiben willst‘ – in diesem Paradoxen formulierte es sich mir –, ‚so darfst du nicht für die Jugend schreiben! – Denn es ist unkünstlerisch, die Behandlung eines Stoffes so oder anders zu wenden, je nachdem du dir den großen Peter oder den kleinen Hans als Publikum denkst.‘
Durch diese Betrachtungsweise aber wurde die große Welt der Stoffe auf ein nur kleines Gebiet beschränkt. Denn es galt einen Stoff zu finden, der, unbekümmert um das künftige Publikum und nur seinen inneren Erfordernissen gemäß behandelt, gleichwohl, wie für den reifen Menschen, so auch für das Verständnis und die Teilnahme der Jugend geeignet war. Endlich wurde die vorstehende Erzählung geschrieben. – Ob nun darin die aufgestellte Theorie auch praktisch betätigt worden oder, wenn dies auch im Wesentlichen, ob nicht im Einzelnen hie und da die Phantasie mir einen Streich gespielt, so daß ich unbewusst dem zunächst bestimmten jungen Hörerkreise beim Erzählen gegenübergesessen haben – beides wird der geneigte Leser besser als der Verfasser selbst zu beurteilen imstande sein.
Ein paar nicht eben erhebliche Stellen, welche in der Jugendzeitung, wenn auch unter Zustimmung des Verfassers, so doch nach dessen Überzeugung ohne zureichenden Grund, unterdrückt wurden, sind in dem vorstehenden Abdruck wiederhergestellt.

Storm Ausführungen belegen, dass er bei der Auswahl des Stoffes, über den er schreiben wollte, an seine späteren Leser gedacht hat, dass er aber bei der künstlerischen Durchführung seiner Novelle die gleichen Maßstäbe anzulegen beabsichtigte, wie auch bei seinen anderen Erzählungen.

Mit den letzten Worten spielte Storm auf die Streichung einiger Passagen an, die von der Redaktion aus Rücksichtnahme auf ein vorwiegend katholisches Lesepublikum vorgenommen worden waren. Es ging dabei um einige Äußerungen, die Storms indifferente Haltung zu den Religionsgemeinschaften und besonders zur katholischen Kirche betreffen, denn Storm hatte sich zu einer agnostizistischen Weltanschauung durchgerungen, glaubte nicht an einen persönlichen Gott und sah in der Institution Kirche ein Hemmnis auf dem Weg zu einer modernen, freiheitlichen Gesellschaft. Die gestrichenen Stellen betreffen Lisei, deren „schwarzen Mädchenaugen“ den Redakteuren offenbar anstößig erschienen. Auch der Hinweis, dass Lisei einiger Zeit nach der Hochzeit auf die österliche Beichte bei einem katholischen Pfarrer verzichtet, schien dem Herausgeber nicht vertretbar.

Storm hat einigen inhaltlichen Änderungen für den Erstdruck zugestimmt, die von der Redaktion vorgenommen wurden, wie er im Nachwort zur Buchausgabe ausdrücklich bestätigt. Die beiden gestrichenen Textstellen haben folgenden Wortlaut:

  • Der Erzähler schwieg eine Weile. „Und nicht wahr“, begann er wieder, „nun weißt du auch nachgerade, wer das Lisei ist?“ („Deutsche Jugend“, S. 166)
  • Und, mein Junge, unterbrach sich hier der Erzähler, wie einem bei solchen Worten ein Paar schwarze Mädchenaugen ansehen, das sollst du nun noch lernen, wenn du erst ein Stieg Jahre weiter bist!
  • „Ja, ja“, dachte ich, „zumal ein Paar Augen, die einen See ausbrennen können!“
  • „Und nicht wahr“, begann Paulsen wieder, „nun weißt du auch nachgerade, wer das Lisei ist?“ (Handschrift)

Dann hielten wir die Hochzeit; ganz in der Stille; denn Blutsfreunde hatten wir weiter nicht am Ort; nur der Hafenmeister, mein alter Schulkamerad, war als Trauzeuge mit zugegen. Lisei war, wie ihre Eltern, katholisch; daß aber das ein Hinderniß für unsere Ehe sein könne, ist uns niemals eingefallen. („Deutsche Jugend“, S. 166)

Dann hielten wir die Hochzeit; ganz in der Stille; denn Blutsfreunde hatten wir weiter nicht am Ort; nur der Hafenmeister, mein alter Schulkamerad, war als Trauzeuge mit zugegen. Lisei war, wie ihre Eltern, katholisch; daß aber das ein Hinderniß für unsere Ehe sein könne, ist uns niemals eingefallen.

In den ersten Jahren reiste sie wohl zur österlichen Beichte nach unserer Nachbarstadt, wo, wie du weißt, eine katholische Gemeinde ist; nachher hat sie ihre Kümmernisse nur ihrem Mann gebeichtet, und wir hoffen fest, daß der liebe Gott auch so ihr Gebet vernommen hat. (Handschrift)

Diese beiden letzten Streichungen hat Storm für die Buchausgabe wieder nach der Handschrift ergänzt, dabei aber den Schlusssatz der letzten Kürzung ausgelassen.


1. Seite der Handschrift. (Storm-Archiv Husum)

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