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Quellen und SchauplätzeQuellenStorms Tochter Gertrud hat 1922 Lebenserinnerungen an ihren Vater veröffentlicht, in denen sie von einer Erzählung Storms berichtet, in der ihr der Vater genauere Einzelheiten über seine eigenen Erlebnisse mit dem Puppenspiel als Knabe mitteilte. Bei diesen von Gertrud Storm nacherzählten Erinnerungen handelt es sich zwar nicht um einen Originaltext des Dichters, doch soll er hier abgedruckt werden, weil aus ihm die Atmosphäre und Stimmung deutlich wird, in der Storm und seine Spielkameraden die eigenen Erlebnisse mit dem Puppentheater verarbeitet haben. Nachdem Storm seine eigenen Erfahrungen mit denen vergleicht, die Goethe als Knabe gemacht hat und in seinem Roman dem Helden „Wilhelm Meister” unterstellt, erzählt er seiner Tochter:
Gertrud Storm: Vergilbte Blätter aus der grauen Stadt. Regensburg 1922, S. 24-27. An seinen Freund Theodor Mommsen schrieb Storm im September 1842 aus Husum: „Heute ist Jahrmarktsonntag; das hat in einer kleinen Stadt immer einen eignen Reiz. Reimers Pulicianellokasten macht die besten Geschäfte und regalirt [beschenkt, G.E.] beständig sein Publicum mit Localwitzen.“ Dieser Policinellkasten war eine mobile Handpuppenbühne, mit der die Puppenspieler vor allem auf Jahrmärkten auftraten und ihrer Zuschauer mit derben Prügelstücken voller lokaler Anspielungen erheiterten. Einen direkten Hinweis darauf, dass Storm ein Marionettentheater besucht hat, haben wir nicht, aber es findet sich in dem von Karl Leonhard Biernatzki herausgegebenen „Volksbuch auf das Jahr 1849“ eine Anekdote über eine Marionettenaufführung. Storm wird sie bestimmt gelesen haben, denn er war einer der wichtigsten Mitarbeiter dieser Zeitschrift. Der Erzähler berichtet zunächst vom Verhalten der bäuerlichen Zuschauer bei einer Gedichtrezitation; weiter heißt es: Die Dorfkomödie
Bei der Durchsicht älterer Jahrgänge des ,,Husumer Wochenblatts“ muss Storm auch auf den Namen ,,Geißelbrecht“ gestoßen sein, der uns in der Novelle als Schwiegervater von Tendler begegnet und der als ,,berühmter“ Puppenspieler vorgestellt wird.
Der 1762 in Hanau geborene Johann Georg Geißelbrecht war in der Tat ein berühmter Marionettenspieler, der sich auch als Darsteller von ,,Ombres Chinoises“, das sind Schattenspiele, einen Namen gemacht hatte. 1817, im Geburtsjahr Storms, reiste er durch die Herzogtümer Schleswig und Holstein und gastierte auch in Husum.
Vom 27. April bis 15. Juni 1817 zeugen sieben Anzeigen in der ,,Beilage zum königlich privilegirten Wochenblatt“ von seinen Aktivitäten; unter anderen Stücken kündigte er auch ,,Doctor Faust, eine Zauberkomödie in 5 Aufzügen“ an. Biografische Einzelheiten über den Mechanikus, nach dessen Vorbild Herr Tendler konzipiert wurde, und nähere Informationen über Geißelbrechts ,,Faust“ fand Storm in der Ausgabe des Faust-Puppenspiels von Karl Simrock, das 1846 im Druck erschienen war. Geißelbrecht galt als geschickter Mechanikus, der seine großen ,,reichgekleideten Kunstfiguren“ nicht bloß überzeugend zu führen wusste, sondern sie auch mit allerlei technischer Raffinesse auszustatten verstand. Storm hat also auch bei den Arbeiten an ,,Pole Poppenspäler“ Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugend mit dem Material verknüpft, das er bei seinen sorgfältigen Recherchen zu seiner Novelle 1873/74 zutage förderte und für seine Zwecke auswertete. Zu den Erinnerungen und Dokumenten kamen Lesefrüchte hinzu, die aus seiner weit greifenden Lektüre von älterer und zeitgenossischer Literatur stammten. Schon früher hat man auf die Übereinstimmung von Motiven und der Erzählhaltung mit Bernardin de Saint-Pierres Idylle ,,Paul et Virginie“ hingewiesen , in der der Franzose 1788 ein Liebesverhältnis zweier Kinder beschreibt, das tragisch endet und in manchen Zügen dem Verhältnis von Lisei und Paul ähnelt. Ein solcher Einfluss bei der Gestaltung der Liebe zu ganz Jungen Mädchen ist auch deshalb wahrscheinlich, weil Storm Illustrationen zu ,,Paul et Virginie“ im Hause seines Onkels, des Kaufmanns Ingwer Woldsen, kennen gelernt hatte. Sie befinden sich heute im Husumer Storm-Museum in der Wasserreihe. Ein direkt nachweisbarer Einfluss auf die Novelle findet sich in der Erzählung ,,Puppenspiel im Dorfkruge“ von Bogumil Goltz, 1847 in einer Sammlung erbaulicher und lehrhafter Geschichten veröffentlicht. Der Ich-Erzähler berichtet über seine Gefühle vor dem Besuch eines Handpuppenspiels um 1810; Ähnlichkeiten mit Pauls Seelenleben vor der Genoveva-Aufführung sind unverkennbar: „Der Erlaubniß meines Pflegevaters durfte ich mich gewiß halten; aber er war in Disputationen mit seinem Herrn Amtsbruder' was mir jetzt erst auf's Herz fiel, da ich nicht begreifen konnte, wie man so kurz vor der verkündeten Komödie im Kruge und ein paar Hauser von diesem entfernt, von etwas Anderem verhandeln und überhaupt sonst Etwas wollen könne, als eben dieses Puppenspiel vom verlorenen Prinzen zu sehen.“ Einige Anregungen zur Gestaltung der Novelle entnahm Storm dem in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts viel gelesenen Roman ,,Die Vagabunden“ von Karl von Holtei (1798-1880). Dieser dreibändige Bildungsroman erschien erstmals 1852 in Breslau und erreichte 1895 die 8. Auflage. Holtei erzählt von den Erlebnissen seines Helden Anton, der als junger Mann schon eine „Genovefa“-Aufführung durch umherziehende Dorfkomödianten erlebt. Holtei schildert den Einzug der Zigeuner in das kleine Dorf und ihre ärmliche Wirtschaft. Bald wird auch schon das Stück angekündigt: ,,das Leben und unschuldige Leiden der Prinzessin Genovefa“. Allerdings handelt es sich nicht um Puppenspieler, sondern um fahrende Schauspieler, die in der Tradition des 17. Jahrhunderts ihre Volksstücke der staunenden Landbevölkerung zum Besten geben. Die Ärmlichkeit ihres Einzuges in das Dorf und die Beschreibung ihrer Wirtschaft erinnert in manchen Zügen an Storms Darstellung der Familie Tendler. Nach einer Episode bei Zirkusleuten erlebt Anton bei einem gewissen Dreher das Puppenspielerhandwerk. In den entsprechenden Kapitel des dritten Bandes der ,,Vagabunden“ werden unter anderen die Puppenspiele ,,Faust“, ,,Genovefa, Pfalzgräfin in Trier“ und ,,Der verlorene Sohn“ erwähnt. Bei Storm berichtet die herangewachsene Lisei über das Leben nach dem Tode der Mutter: „dann, das frische Grab hinter sich lassend, waren Vater und Tochter wiederum in's Land gefahren und hatten, wie vorhin, ihre Stücke abgespielt, den verlorenen Sohn, die heilige Genovefa und wie sie sonst noch heißen mochten.“ Eine weitere Parallele findet sich in der Beschreibung eines Traumes, den Anton am ersten Abend bei dem Puppenspieler hat: „Ihn zog das Puppenspiel mit seinen poetisch räthselhaften, wie kindisch albernen Mysterien mächtig an; ihm war zu Sinne, [...] als wären die kleinen, an Dräthen schwebenden Zerrgebilde lebendige Geschöpfe, die ihm entgegenriefen: komm', Bruder, spiele mit uns, wir sind deine Geschwister; [. . .]“. (Holtei, Bd. 3, S.24) Bei Storm erscheint Kasperl dem jugendlichen Paul ebenfalls im Traum und ruft: ,,Ach, du lieb's Kerle! Ach, du herztausig's liebs Brüderl!“ Auch die komplizierte Mechanik, durch die sich die Puppen und besonders der Kasperl des Herrn Tendler auszeichnen, ist bei Holtei vorgeprägt. Dort wird das Puppentheater ebenfalls vernichtet, zuletzt zerstört Dreher den Kasperle. „Und diese künstlich ineinander gefügten Glieder nun, deren lustige Schwenkungen so häufig jubelnden Beifall erregt hatten; dies altkluge Zwergengesicht mit dem beweglichen Munde, den rollenden Augen; dieser ganze kleine Kerl sollte nun zerstört werden.“ (Holtei, Bd. 3, S.67) Wenngleich Holtei darauf verzichtet hat, das Szenarium und die Grundzüge der Handlung seiner ,,Genovefa“ darzustellen, so gibt er dennoch einen weiteren Hinweis auf die mögliche Quelle, aus der Storm den Anfang des von ihm geschilderten Stücks ,,Pfalzgraf Siegfried und die heilige Genovefa, Puppenspiel mit Gesang in vier Aufzügen“ geschöpft haben könnte. Am Schluss seines Romans lässt er nämlich seinen Helden Anton die Schauspiele ,,Judith“ und ,,Genovefa“ von Friedrich Hebbel miteinander vergleichen, um ihre Bedeutung für seinen Lebensweg hervorzuheben. Hebbels ,,Genovefa. Tragödie in fünf Akten“ (erstmals 1843 erschienen) kommt aber als einzige dramatische Gestaltung des Stoffes als Quelle Storms in Betracht. Eine weitere Anregung entnahm Storm aus Gottfried Kellers Roman ,,Der grüne Heinrich“, der 1853/54 in der ersten Fassung erschien. Storm hat diesen Roman sehr geschätzt und ihn in einem Brief an seinen Jugendfreund Hartmuth Brinkmann und dessen Frau vom 24. März 1857 als ,,empfehlenswerte Lektüre“ bezeichnet. Keller arbeitete den Roman seit 1878 um, und Storm nahm großen Anteil daran, wie der Briefwechsel zwischen beiden belegt. Im 7. Kapitel des 1. Buches (in der zweiten Fassung ist es das 11. Kapitel) erzählt Keller von einem frühen Theatererlebnis Heinrichs. Hier finden wir das Vorbild für die Szene, in der Lisei und Paul spät abends im leeren Theatersaal einschlafen. Heinrich berichtet, wie er gemeinsam mit einer Gruppe von Knaben unverhofft Zutritt zu einer Schauspielergesellschaft erhält, die einen Tanzsaal im Gasthause der Stadt in ein improvisiertes Theater umfunktioniert hat. Hier muss er in einer Aufführung von Goethes ,,Faust“ eine Meerkatze spielen. Die gesprochenen Worte hinterlassen einen tiefen Eindruck auf den Knaben, so daß er nach der Vorstellung heimlich nach einem Textbuch hinter den Kulissen forscht. Über diese Suche schläft er ein.
SchauplätzeDer Leser kann an der Beschreibung der Stadt erkennen, dass Storm seine Heimatstadt Husum zur Kulisse der Puppenspielernovelle gewählt hat. Pauls Elternhaus steht in der Süderstraße, allerdings handelt es sich nicht um ein wirklich nachweisbares Gebäude vielmehr hat der Dichter in seiner literarischen Fantasie ein typisches Husumer Bürgerhaus geschaffen, dessen Umfeld, Bank und Linde, er leitmotivisch für die Novellenhandlung verwendet. Hier erzählt Paul seinem jugendlichen Zuhörer von seiner Kindheit, hier hatten schon Lisei und Paul als Kinder gesessen. Bank und Linde vor dem gutbürgerlichen Wohnhaus signalisieren Heimat, Geborgenheit und Schutz. Anders ist es mit der ,,Schneiderherberge“, die dem Puppenspieler Tendler und seiner Familie Obdach bietet. - In der Süderstraße, neben der sog. faulen Rinne, hielt Jürgen Franzen seit 1839 eine Herberge für die zünftigen Gesellen verschiedener Gewerbe, namentlich für die Schmiede- und Schneidergesellen. - Auch fahrendes Volk fand dort bereitwillig Aufnahme, wenn es sich nicht allzu ruppig anstellte und sich willig dem strengen Regiment des Herbergsvaters fügte. Dieses Haus (früher Süderstraße 64) steht nicht mehr. Der Schützenhof allerdings, in der Süderstraße 42, ist erhalten geblieben. ,Das Haus gehörte mit einem bis zur Lämmerfenne reichenden Schießstand der Husumer Schützengilde, einer 1586 vom Herzog gegründeten Institution. In dem Saale, der sich früher hinter den oberen Fenstern befand, führt Tendler seine Stücke zur Jugendzeit Paulsens auf. Der letzte Auftritt von Tendlers Marionettentheater findet im Saal des Rathauses statt, Storm denkt dabei an das historische Rathaus seiner Vaterstadt, das tatsächlich Schauplatz der Auftritte Geisselbrechts im Jahre 1817 gewesen ist.
Auch der Schauplatz des zweiten Teils der Novelle lässt sich leicht lokalisieren. Nach Storm beendet der Geselle Paul Paulsen seine Wanderschaft ,,in einer mitteldeutschen Stadt“. Als er im Januar bei großer Kälte auf das gegenüberliegende Gefangenenhaus blickt, sieht er eine junge Frau, in der er später Lisei wiedererkennt. Unschwer lässt sich in diesem Haus das Gefängnis von Heiligenstadt in Thüringen erkennen, wo Storm mit seiner Familie von 1856 bis 1864 in der Wilhelmstraße direkt gegenüber wohnte. Hier hat auch ein Ereignis stattgefunden, das auf die Novelle einwirkte und von dem Storm in einem Brief an seine Eltern Johann Kasimir und Lucie Storm am 8.2. 1864 berichtete: „Vor etwa vier Wochen, da wir die starke Kälte hatten, nachmittags, hörten wir das laute Weinen eines Kindes auf der Straße; und aus dem Fenster blickend, sahen wir, wie drüben im Gefangenhaus der Inspektor ein junges Zigeunerweib mit zwei Kindern mit der Hundepeitsche auf die Straße trieb. Ihr Mann war wegen Diebstahlsverdacht (er wurde wenige Tage später freigegeben) eingezogen; und sie wollte nun mit Gewalt mit eingesperrt werden. Frierend und weinend irrte Sie nun auf der Straße herum, der größere Knabe schrie laut nach seinem Vater; die Dämmerung brach schon an, und draußen fror es 17 Grad. Die armen Menschen waren ohne Obdach, keine Seele erbarmte sich des Zigeunergesindels. Da haben wir, wie es sich für des Dichters Familie ziemte, die fahrende Heidin mit ihren Kindern an unsern Tisch gesetzt und sie mit heißem Kaffee und Semmeln erquickt. Aber dem schwarzhaarigen jungen Weibe wollte es nicht schmecken; sie dachte nur, wie der da drüben“ sich um sie quälen werde. Daß Lucie und den andern Kindern das zigeunerische Reden und der kleine lustige Junge, der sich aus dem Bündel auf ihrem Rücken loslöste, viel Spaß machte, könnt Ihr Euch wohl denken. Als nun aber die Leute satt und warm waren, da hatten wir noch nicht viel gewonnen. Nun aber trat Hans in Tätigkeit. Er ging mit ihnen in die kleinen Herbergen, zankte sich mit den Wirten; und da keiner sie aufnehmen wollte, ging er aufs Rathaus und dann zum Bürgermeister, und endlich hat er sie nach dessen Anweisung persönlich im hiesigen Armenhause untergebracht. Die Frau war schon so mutlos, daß sie sich mit ihren Kindern im Freien vor dem Stadttor niederlegen wollte.“ |
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