Dokument vom:
18.09.2008
Pole Poppenspäler - Quellen und Schauplätze

Quellen und Schauplätze

Quellen

Storms Tochter Gertrud hat 1922 Lebenserinnerungen an ihren Vater veröffentlicht, in denen sie von einer Erzählung Storms berichtet, in der ihr der Vater genauere Einzelheiten über seine eigenen Erlebnisse mit dem Puppenspiel als Knabe mitteilte. Bei diesen von Gertrud Storm nacherzählten Erinnerungen handelt es sich zwar nicht um einen Originaltext des Dichters, doch soll er hier abgedruckt werden, weil aus ihm die Atmosphäre und Stimmung deutlich wird, in der Storm und seine Spielkameraden die eigenen Erlebnisse mit dem Puppentheater verarbeitet haben.

Nachdem Storm seine eigenen Erfahrungen mit denen vergleicht, die Goethe als Knabe gemacht hat und in seinem Roman dem Helden „Wilhelm Meister” unterstellt, erzählt er seiner Tochter:

„Einen großen Zeitraum von mehreren Jahren habe ich meine ganze Freizeit außer der Schule mit der Direktion meines Puppentheaters ausgefüllt; zwei Schulkameraden, Krebs und Olhuus, waren dabei meine Gehilfen. Eine alte Jungfrau, bei der Olhuus wohnte, half uns die Puppen, die freilich nur von Papier waren, ausschneiden und eiserne Drähte daran zu befestigen. Sie ließ in den Aufführungen den Papageno tanzen und sang dazu mit einer schönen Fistelstimme: „Der Vogelsänger bin ich, ha, hops heisa luftig, hopsasa!‘, was mir die ungemischteste Freude machte.

Das erste Sück, das wir aufführten, war aus einer Gedichtsammlung eines gewissen Petzel aus Tönning und stellte die Geburtstagsfeier eines Grafen Rantzau vor. Obgleich die Puppen steif waren, so erntete doch eine jugendliche Figur, welche die junge Gräfin Sophie vorstellte, besonderen Beifall. Ich erinnere mich, dass sie mir besonders lieblich vorkam, so daß ich beinah eine Art phantastischer Neigung für sie bekam. Meine verstorbene Schwester Lucie, die ich von allen Geschwistern am meisten liebte, sprach nach dieser Vorstellung auch öfters von der ‚niedlichen Gräfin Sophie‘. Mit Totstechen, wie der Wilhelm Meister, haben wir nie etwas zu tun gehabt, dagegen gelang uns Donner und Blitz vorzüglich mit Kupferplatten und Hexenpulver. Aber, o weh, als ein papierner, bunter Regenbogen ganz zierlich an einem Zwirnsfaden herabgelassen wurde, krellte sich der Zwirn und der Regenbogen zeigte die weiße Kehrseite.

Das zweite Stück, das zur Aufführung gelangte, waren Schillers ‚Räuber‘. Bald aber genügten uns die fremden Theaterstücke nicht mehr, auch konnten wir so recht keine finden, die in unsern Kram passten. Gellerts Schäferspiele, die ich zu dem Ende eifrig studierte, schienen mir schließlich doch viel zu altmodisch. Olhuus, Krebs und ich beschlossen daher, die dramatischen Sachen selbst zu liefern.

Und wirklich, jeder lieferte sein Stück! Zu meinem spielte Kasperle die Hauptrolle. Er hatte zwei durch den Eigensinn des Vaters getrennte Liebende zu vereinen. Krebs dagegen ließ einen alten Mann auftreten, der voll Gram über seinen verwilderten entwichenen Sohn war. Er machte eine Reise, um ihn aufzufinden. In einem Walde wird er von einem Räuber überfallen und erkennt in ihm seinen Sohn. Nun folgen Reue, Verzweiflung, Versöhnung und – Tränen. Zur Aufführung dieser Stücke wurden große Vorkehrungen getroffen. Ich malte Felsdekoration mit unzähligen Uhus, Fledermäusen und Teufeln mit roten Augen.

Aber bald genügten mir die platten Papierpuppen nicht mehr. Ich wollte die Illusion erhöhen und nähte mir mit Baumwolle ausgestopfte Puppen von Batist mit kleinen Puppenangesichten. Mutter, und Schwester Helene, die schon einigermaßen nähen konnte, mussten für die Kleider sorgen. Der Räuber bekam einen grünseidenen Leibrock an. Als ich meinem Mitdirektor Krebs diese Verbesserung an den schon fertigen Puppen zeigte und mir für die diese Erfindung ein großes Lob von ihm versprach, ward ich gewaltig enttäuscht. Er wollte von diesen dicken, dummen Puppen nichts wissen, die alle, wie er meinte, dasselbe ausdruckslose Gesicht mit einer Mädchenhaartracht hatten. Indessen war ich bei den Aufführungen Meister, und ich setzte meinen Willen durch. Über die Frauenhaare wurden Mützen genäht und Schnurrbärte ins Gesicht gemalt, wenns ein Mann sein sollte. So ging die Aufführung mit großem Beifall vor sich. In den Zwischenakten feuerten wir jedes Mal eine kleine messingene Kanone ab, was die Feierlichkeit auf das höchste steigerte.

Nach diesen mechanischen und Garderobenvorbereitungen war mein Augenmerk darauf gerichtet, das Äußere des Theaters glänzend einzurichten. Wir verschafften uns einen neuen Vorhang aus rotem Zeug und beklebten das Proszenium mit goldpapiernen Sternen. Ich malte neue Walddekorationen; kaufte für jeden ersparten Schilling Bänder und Puppenangesichter und vermehrte auf diese Weise die kleine Puppentruppe um ein Beträchtliches. Krebs war eifrig damit beschäftigt, neue Straßendekorationen anzufertigen. Nun ging es uns auf ein Haar wie dem Wilhelm Meister. Über diese Beschäftigung mit all den Mitteln vergaßen wir die Aufführung selbst. Wir konnten den großen Zuschnitt unseres neuen Theaters nicht durchführen. Alle diese Vorbereitungen sind niemals angewandt worden: mit unserm Puppentheater hatte es ein Ende. (...)”

Gertrud Storm: Vergilbte Blätter aus der grauen Stadt. Regensburg 1922, S. 24-27.

An seinen Freund Theodor Mommsen schrieb Storm im September 1842 aus Husum: „Heute ist Jahrmarktsonntag; das hat in einer kleinen Stadt immer einen eignen Reiz. Reimers Pulicianellokasten macht die besten Geschäfte und regalirt [beschenkt, G.E.] beständig sein Publicum mit Localwitzen.“

Dieser Policinellkasten war eine mobile Handpuppenbühne, mit der die Puppenspieler vor allem auf Jahrmärkten auftraten und ihrer Zuschauer mit derben Prügelstücken voller lokaler Anspielungen erheiterten.

Einen direkten Hinweis darauf, dass Storm ein Marionettentheater besucht hat, haben wir nicht, aber es findet sich in dem von Karl Leonhard Biernatzki herausgegebenen „Volksbuch auf das Jahr 1849“ eine Anekdote über eine Marionettenaufführung. Storm wird sie bestimmt gelesen haben, denn er war einer der wichtigsten Mitarbeiter dieser Zeitschrift.

Der Erzähler berichtet zunächst vom Verhalten der bäuerlichen Zuschauer bei einer Gedichtrezitation; weiter heißt es:

Die Dorfkomödie

Nach ein paar Wochen gehen sie Alle wieder hin, es ist zum allerletzten Male und die große Christenverfolgung' soll gegeben werden. Wieder derselbe Spectakel vor der Thür; in die Bettlaken haben die Jungens Löcher geschnitten, durch die sie hindurch sehen, trotz Bettelvogt und Schauspieldirector. Hans, Chrischan und Peter, Liese, Grethe, Alle sind wieder da und die ganze drollige Ouvertüre von neulich wird wieder zum Besten gegeben. Diesmal aber erscheint hinter dem Vorhange kein stattlicher Herr, sondern der hölzerne Feldhauptmann des Kaisers Diodetian. In langem rothen Talar, mit Goldpapier beklebt, rauscht und klappert er daher. Darauf kommt der Statthalter mit seiner Tochter, die heimlich Christen sind. Auch prasentirt sich ein ehrlicher Püttiergesell“ auf seiner Wanderschaft, der Casperle des Dorftheaters. Alles ist aus gutem Holz und hängt an festem Tau. Die Seele aber in all diesem Holz, welche es zugeschnitten hat und nun belebt, welche die Gedanken und Empfindungen der Figuren laut werden läßt, ist ein Genie aus Tellingstedt, das insbesondere den ,,Püttier“ in kernigem Dithmarscher Dialect reden läßt, in welchem derselbe ganz entsetzlich donnert und wettert, was Effect macht. Nun fangen die Puppen an einander zu verfolgen, das Blut fließt wie Wasser, und obgleich der hölzerne Feldhauptmann die hölzerne Statthaltertochter bis zum Sterben liebt, kann er sie doch nicht retten. Sie soll enthauptet werden, feierlich wird das Todesurtheil ausgesprochen und der ,,Püttjer“ ist zum Generalhenkersmeister ausersehen. Als dieser die schmachtende Dame ansieht, der er den Kopf abschlagen soll, klappert er ängstlich hin und her, man sieht es ihm an, daß er nicht gern dran will. Aber er muß, es bringt ihm was ein - endlich haut er zu und klapp! trifft er den hölzernen Kopf, der auf die Diele hinrollt. Die ganze Zuschauergesellachaft sitzt unterdeß in athemlosen Stillschweigen da, selbst der Peter ist ganz verstummt, und als der Kopf ab ist, hört man in der Damenwelt langgedehnte Seufzer und einige stämmige Bursche dahinter flüstern einander zu: ,,Dat güng mi rein dör un dör!“ Kurz man ist auch wieder sehr sentimental, wenn's seyn muß. Man soll manche Leute nur als Pedal behandeln, d.h. mit Füßen treten, dann kommen die rechten Empfindungen schon heraus, selbst bei einer Dorfcomödie mit Gliederpuppen!

Bei der Durchsicht älterer Jahrgänge des ,,Husumer Wochenblatts“ muss Storm auch auf den Namen ,,Geißelbrecht“ gestoßen sein, der uns in der Novelle als Schwiegervater von Tendler begegnet und der als ,,berühmter“ Puppenspieler vorgestellt wird.


Geburtseintrag Georg Geißelbrechts aus Hanau 1876. (Stadtarchiv Hanau)

Der 1762 in Hanau geborene Johann Georg Geißelbrecht war in der Tat ein berühmter Marionettenspieler, der sich auch als Darsteller von ,,Ombres Chinoises“, das sind Schattenspiele, einen Namen gemacht hatte. 1817, im Geburtsjahr Storms, reiste er durch die Herzogtümer Schleswig und Holstein und gastierte auch in Husum.


Anzeige des Mechanikus Geißelbrecht im Husumer Wochenblatt vom 4.5.1817. (Nissenhaus Husum)

Vom 27. April bis 15. Juni 1817 zeugen sieben Anzeigen in der ,,Beilage zum königlich privilegirten Wochenblatt“ von seinen Aktivitäten; unter anderen Stücken kündigte er auch ,,Doctor Faust, eine Zauberkomödie in 5 Aufzügen“ an.

Biografische Einzelheiten über den Mechanikus, nach dessen Vorbild Herr Tendler konzipiert wurde, und nähere Informationen über Geißelbrechts ,,Faust“ fand Storm in der Ausgabe des Faust-Puppenspiels von Karl Simrock, das 1846 im Druck erschienen war. Geißelbrecht galt als geschickter Mechanikus, der seine großen ,,reichgekleideten Kunstfiguren“ nicht bloß überzeugend zu führen wusste, sondern sie auch mit allerlei technischer Raffinesse auszustatten verstand.

Storm hat also auch bei den Arbeiten an ,,Pole Poppenspäler“ Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugend mit dem Material verknüpft, das er bei seinen sorgfältigen Recherchen zu seiner Novelle 1873/74 zutage förderte und für seine Zwecke auswertete. Zu den Erinnerungen und Dokumenten kamen Lesefrüchte hinzu, die aus seiner weit greifenden Lektüre von älterer und zeitgenossischer Literatur stammten. Schon früher hat man auf die Übereinstimmung von Motiven und der Erzählhaltung mit Bernardin de Saint-Pierres Idylle ,,Paul et Virginie“ hingewiesen , in der der Franzose 1788 ein Liebesverhältnis zweier Kinder beschreibt, das tragisch endet und in manchen Zügen dem Verhältnis von Lisei und Paul ähnelt. Ein solcher Einfluss bei der Gestaltung der Liebe zu ganz Jungen Mädchen ist auch deshalb wahrscheinlich, weil Storm Illustrationen zu ,,Paul et Virginie“ im Hause seines Onkels, des Kaufmanns Ingwer Woldsen, kennen gelernt hatte. Sie befinden sich heute im Husumer Storm-Museum in der Wasserreihe.

Ein direkt nachweisbarer Einfluss auf die Novelle findet sich in der Erzählung ,,Puppenspiel im Dorfkruge“ von Bogumil Goltz, 1847 in einer Sammlung erbaulicher und lehrhafter Geschichten veröffentlicht. Der Ich-Erzähler berichtet über seine Gefühle vor dem Besuch eines Handpuppenspiels um 1810; Ähnlichkeiten mit Pauls Seelenleben vor der Genoveva-Aufführung sind unverkennbar: „Der Erlaubniß meines Pflegevaters durfte ich mich gewiß halten; aber er war in Disputationen mit seinem Herrn Amtsbruder' was mir jetzt erst auf's Herz fiel, da ich nicht begreifen konnte, wie man so kurz vor der verkündeten Komödie im Kruge und ein paar Hauser von diesem entfernt, von etwas Anderem verhandeln und überhaupt sonst Etwas wollen könne, als eben dieses Puppenspiel vom verlorenen Prinzen zu sehen.“

Einige Anregungen zur Gestaltung der Novelle entnahm Storm dem in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts viel gelesenen Roman ,,Die Vagabunden“ von Karl von Holtei (1798-1880). Dieser dreibändige Bildungsroman erschien erstmals 1852 in Breslau und erreichte 1895 die 8. Auflage. Holtei erzählt von den Erlebnissen seines Helden Anton, der als junger Mann schon eine „Genovefa“-Aufführung durch umherziehende Dorfkomödianten erlebt. Holtei schildert den Einzug der Zigeuner in das kleine Dorf und ihre ärmliche Wirtschaft. Bald wird auch schon das Stück angekündigt: ,,das Leben und unschuldige Leiden der Prinzessin Genovefa“. Allerdings handelt es sich nicht um Puppenspieler, sondern um fahrende Schauspieler, die in der Tradition des 17. Jahrhunderts ihre Volksstücke der staunenden Landbevölkerung zum Besten geben. Die Ärmlichkeit ihres Einzuges in das Dorf und die Beschreibung ihrer Wirtschaft erinnert in manchen Zügen an Storms Darstellung der Familie Tendler. Nach einer Episode bei Zirkusleuten erlebt Anton bei einem gewissen Dreher das Puppenspielerhandwerk. In den entsprechenden Kapitel des dritten Bandes der ,,Vagabunden“ werden unter anderen die Puppenspiele ,,Faust“, ,,Genovefa, Pfalzgräfin in Trier“ und ,,Der verlorene Sohn“ erwähnt. Bei Storm berichtet die herangewachsene Lisei über das Leben nach dem Tode der Mutter: „dann, das frische Grab hinter sich lassend, waren Vater und Tochter wiederum in's Land gefahren und hatten, wie vorhin, ihre Stücke abgespielt, den verlorenen Sohn, die heilige Genovefa und wie sie sonst noch heißen mochten.“

Eine weitere Parallele findet sich in der Beschreibung eines Traumes, den Anton am ersten Abend bei dem Puppenspieler hat: „Ihn zog das Puppenspiel mit seinen poetisch räthselhaften, wie kindisch albernen Mysterien mächtig an; ihm war zu Sinne, [...] als wären die kleinen, an Dräthen schwebenden Zerrgebilde lebendige Geschöpfe, die ihm entgegenriefen: komm', Bruder, spiele mit uns, wir sind deine Geschwister; [. . .]“. (Holtei, Bd. 3, S.24)

Bei Storm erscheint Kasperl dem jugendlichen Paul ebenfalls im Traum und ruft: ,,Ach, du lieb's Kerle! Ach, du herztausig's liebs Brüderl!“ Auch die komplizierte Mechanik, durch die sich die Puppen und besonders der Kasperl des Herrn Tendler auszeichnen, ist bei Holtei vorgeprägt. Dort wird das Puppentheater ebenfalls vernichtet, zuletzt zerstört Dreher den Kasperle. „Und diese künstlich ineinander gefügten Glieder nun, deren lustige Schwenkungen so häufig jubelnden Beifall erregt hatten; dies altkluge Zwergengesicht mit dem beweglichen Munde, den rollenden Augen; dieser ganze kleine Kerl sollte nun zerstört werden.“ (Holtei, Bd. 3, S.67)

Wenngleich Holtei darauf verzichtet hat, das Szenarium und die Grundzüge der Handlung seiner ,,Genovefa“ darzustellen, so gibt er dennoch einen weiteren Hinweis auf die mögliche Quelle, aus der Storm den Anfang des von ihm geschilderten Stücks ,,Pfalzgraf Siegfried und die heilige Genovefa, Puppenspiel mit Gesang in vier Aufzügen“ geschöpft haben könnte. Am Schluss seines Romans lässt er nämlich seinen Helden Anton die Schauspiele ,,Judith“ und ,,Genovefa“ von Friedrich Hebbel miteinander vergleichen, um ihre Bedeutung für seinen Lebensweg hervorzuheben. Hebbels ,,Genovefa. Tragödie in fünf Akten“ (erstmals 1843 erschienen) kommt aber als einzige dramatische Gestaltung des Stoffes als Quelle Storms in Betracht.

Eine weitere Anregung entnahm Storm aus Gottfried Kellers Roman ,,Der grüne Heinrich“, der 1853/54 in der ersten Fassung erschien. Storm hat diesen Roman sehr geschätzt und ihn in einem Brief an seinen Jugendfreund Hartmuth Brinkmann und dessen Frau vom 24. März 1857 als ,,empfehlenswerte Lektüre“ bezeichnet. Keller arbeitete den Roman seit 1878 um, und Storm nahm großen Anteil daran, wie der Briefwechsel zwischen beiden belegt. Im 7. Kapitel des 1. Buches (in der zweiten Fassung ist es das 11. Kapitel) erzählt Keller von einem frühen Theatererlebnis Heinrichs. Hier finden wir das Vorbild für die Szene, in der Lisei und Paul spät abends im leeren Theatersaal einschlafen. Heinrich berichtet, wie er gemeinsam mit einer Gruppe von Knaben unverhofft Zutritt zu einer Schauspielergesellschaft erhält, die einen Tanzsaal im Gasthause der Stadt in ein improvisiertes Theater umfunktioniert hat. Hier muss er in einer Aufführung von Goethes ,,Faust“ eine Meerkatze spielen. Die gesprochenen Worte hinterlassen einen tiefen Eindruck auf den Knaben, so daß er nach der Vorstellung heimlich nach einem Textbuch hinter den Kulissen forscht. Über diese Suche schläft er ein.

Als ich wieder erwachte, war das Theater leer und still, die Lampen ausgelöscht, und der Vollmond goß sein Licht zwischen den Kulissen über die seltsame Unordnung herein. Ich wußte nicht, wie mir geschah noch wo ich mich befand; doch als ich meine Lage erkannte, ward ich voll Furcht und suchte einen Ausgang, fand aber die Türen verschlossen, durch welche ich hereingekommen war. Nun schickte ich mich in das Geschehene und begann von neuem alle Seltsamkeiten dieser Räume zu untersuchen. Ich betastete die raschelnden, papiernen Herrlichkeiten und legte das Mäntelchen und den Degen des Mephistopheles, welche auf einem Stuhle lagen, über meinen Meerkatzenhabit um. So spazierte ich in dem hellen Mondscheine auf und nieder, zog den Degen und fing an zu gestikulieren. Dann entdeckte ich die Maschinerie des Vorhanges, und es gelang mir, denselben aufzuziehen. Da lag der Zuschauerraum dunkel und schwarz vor mir wie ein erblindetes Auge; ich stieg in das Orchester hinab, wo die Instrumente umherlagen und nur Violinen sorgfältig in Kästchen verschlossen waren. Auf den Pauken lagen die schlanken Hämmer, welche ich ergriff und zagend gegen das Fell schlug, daß es einen dumpf grollenden Ton gab. Jetzt wurde ich kühner und schlug stärker, bis es zuletzt wie ein Gewitter durch den leeren, mitternächtlichen Saal hallte. Ich ließ den Donner anschwellen und wieder abnehmen und wenn er verklang, so dünkten mich die unheimlichen Pausen noch schöner als das Geräusch selbst. Endlich erschrak ich über meinem Tun, warf die Schlegel hin und getraute mir kaum über die Bänke des Parterre hinwegzusteigen und mich zuhinterst an der Wand hinzusetzen. Ich fror und wünschte zu Hause zu sein, auch war es mir bange in meiner Einsamkeit. Die Fenster in diesem Teile des Saales waren dicht verschlossen, so daß nur die Bühne, welche immer noch den Kerker vorstellte, durch das Mondlicht magisch beleuchtet war. Im Hintergrunde stand das Pförtchen noch offen, wo Gretchen gelegen hatte, ein bleicher Strahl fiel auf das Strohlager; ich dachte an das schöne Gretchen, welches nun hingerichtet sein werde, und der stille, mondhelle Kerker kam mir zauberhafter und heiliger vor als dem Faust einst Gretchens Kammer. Ich stützte meinen Kopf auf beide Hände und sah mit sehnenden Blicken hinüber, besonders in die vom Lichte halb bestreifte Vertiefung, wo das Stroh lag. Da regte es sich im Dunkel, atemlos sah ich hin, und jetzt stand eine weiße Gestalt in jenem Winkel; es war Gretchen, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Mich schauerte es vom Wirbel bis zur Zehe, meine Zähne schlugen zusammen, während doch ein mächtiges Gefühl glücklicher Überraschung mich durchzuckte und erwärmte. Ja, es war Gretchen, es war ihr Geist, obgleich ich in der Entfernung ihre Züge nicht unterscheiden konnte, was die Erscheinung noch geisterhafter machte. Sie schien mit dunklen Blicken in dem Raume umherzusuchen, ich richtete mich empor, es zog mich vorwärts wie mit gewaltigen, unsichtbaren Händen, und während mein Herz hörbar klopfte, schritt ich über die Bänke gegen das Proszenium hin, jeden Schritt einen Augenblick anhaltend.

Die Pelzumhüllung machte meine Füße unhörbar, so daß mich die Gestalt nicht bemerkte, bis ich, an dem Souffleurkasten hinaufklimmend, in meiner befremdlichen Tracht vom ersten Mondstrahle bestreift wurde. Ich sah, wie sie entsetzt ihr glühendes Auge auf mich richtete und, doch lautlos, zusammenfuhr. Einen leisen Schritt trat ich näher und hielt wieder ein; meine Augen waren weit geöffnet, ich hielt die Hände zitternd erhoben, indes ich, von einem frohen Feuer des Mutes durchströmt, auf das Phantom losging. Da rief es mit gebieterischer Stimme:

,,Halt! kleines Ding! was bist du?“ und streckte drohend den Arm gegen mich aus, daß ich fest an der Stelle gebannt blieb. Wir sahen uns unverwandt an; ich erkannte jetzt ihre Züge wohl, sie hatte ein weißes Nachtkleid umgeschlagen, Hals und Schultern waren entblößt und gaben einen milden Schein, wie nächtlicher Schnee. Ich witterte alsogleich das warme Leben, und der abenteuerliche Mut, den ich dem Gespenste gegenüber empfunden hatte, verwandelte sich in die natürliche Blödigkeit vor dem lebendigen Weibe. Sie hingegen war immer noch zweifelhaft über meine dämonische Erscheinung, und sie rief daher noch einmal: ,,Wer seid Ihr, kleiner Bursch?“ Kleinlaut antwortete ich: ,,Ich heiße Heinrich Lee und bin eine von den Meerkatzen; man hat mich hier eingeschlossen!“ Da trat sie auf mich zu, streifte meine Maske zurück, faßte mein Gesicht zwischen ihre Hände und rief, indem sie laut lachte: ,,Herr Gott! das ist die aufmerksame Meerkatze! Ei, du kleiner Schalk! bist du es, der den Lärm gemacht hat, als ob ein Gewitter im Hause wäre?“ - ,,Ja!“ sagte ich, indem meine Augen fortwährend auf dem weißen Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten Male wieder so andächtig erfreut war wie einst, wenn ich in das glänzende Feld des Abendrotes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte. Dann betrachtete ich in vollkommener Ruhe ihr schönes Gesicht und gab mich unbefangen dem süßen Eindrucke ihres reizenden Mundes hin. Sie sah mich eine Weile still und ernsthaft an, dann sprach sie: ,,Mich dünkt, du bist ein guter Junge; doch wenn du einst groß geworden, wirst du ein Lümmel sein wie alle!“ Und hiemit schloß sie mich an sich und küßte mich mehrere Male auf meinen Mund, der nur dadurch leise bewegt wurde, daß ich heimlich, von ihren Küssen unterbrochen, ein herzliches Dankgebet an Gott richtete für das herrliche Abenteuer.

Hierauf sagte sie: ,,Es ist nun am besten, du bleibest bei mir, bis es Tag ist; denn Mitternacht ist längst vorüber!“ und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch einige Türen in ihr Zimmer, wo Sie vorher schon geschlafen hatte und durch mein nächtliches Spuken geweckt worden war. Dort ordnete sie am Fußende ihres Bettes eine Stelle zurecht, und als ich darauf lag, hüllte sie sich dicht in einen sammetnen Königsmantel, legte sich der Länge nach auf das Bett und stützte ihre leichten Füße gegen meine Brust, daß mein Herz ganz vergnüglich unter denselben klopfte. Somit entschliefen wir und glichen in unserer Lage nicht übel jenen alten Grabmälern, auf welchen ein steinerner Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Füßen.

Schauplätze

Der Leser kann an der Beschreibung der Stadt erkennen, dass Storm seine Heimatstadt Husum zur Kulisse der Puppenspielernovelle gewählt hat. Pauls Elternhaus steht in der Süderstraße, allerdings handelt es sich nicht um ein wirklich nachweisbares Gebäude vielmehr hat der Dichter in seiner literarischen Fantasie ein typisches Husumer Bürgerhaus geschaffen, dessen Umfeld, Bank und Linde, er leitmotivisch für die Novellenhandlung verwendet. Hier erzählt Paul seinem jugendlichen Zuhörer von seiner Kindheit, hier hatten schon Lisei und Paul als Kinder gesessen. Bank und Linde vor dem gutbürgerlichen Wohnhaus signalisieren Heimat, Geborgenheit und Schutz.

Anders ist es mit der ,,Schneiderherberge“, die dem Puppenspieler Tendler und seiner Familie Obdach bietet. - In der Süderstraße, neben der sog. faulen Rinne, hielt Jürgen Franzen seit 1839 eine Herberge für die zünftigen Gesellen verschiedener Gewerbe, namentlich für die Schmiede- und Schneidergesellen. - Auch fahrendes Volk fand dort bereitwillig Aufnahme, wenn es sich nicht allzu ruppig anstellte und sich willig dem strengen Regiment des Herbergsvaters fügte.

Dieses Haus (früher Süderstraße 64) steht nicht mehr. Der Schützenhof allerdings, in der Süderstraße 42, ist erhalten geblieben. ,Das Haus gehörte mit einem bis zur Lämmerfenne reichenden Schießstand der Husumer Schützengilde, einer 1586 vom Herzog gegründeten Institution. In dem Saale, der sich früher hinter den oberen Fenstern befand, führt Tendler seine Stücke zur Jugendzeit Paulsens auf. Der letzte Auftritt von Tendlers Marionettentheater findet im Saal des Rathauses statt, Storm denkt dabei an das historische Rathaus seiner Vaterstadt, das tatsächlich Schauplatz der Auftritte Geisselbrechts im Jahre 1817 gewesen ist.


Spielerlaubnis für die Herzogtümer Schleswig und Holstein 1816. (Landesarchiv Schleswig)

Auch der Schauplatz des zweiten Teils der Novelle lässt sich leicht lokalisieren. Nach Storm beendet der Geselle Paul Paulsen seine Wanderschaft ,,in einer mitteldeutschen Stadt“. Als er im Januar bei großer Kälte auf das gegenüberliegende Gefangenenhaus blickt, sieht er eine junge Frau, in der er später Lisei wiedererkennt. Unschwer lässt sich in diesem Haus das Gefängnis von Heiligenstadt in Thüringen erkennen, wo Storm mit seiner Familie von 1856 bis 1864 in der Wilhelmstraße direkt gegenüber wohnte. Hier hat auch ein Ereignis stattgefunden, das auf die Novelle einwirkte und von dem Storm in einem Brief an seine Eltern Johann Kasimir und Lucie Storm am 8.2. 1864 berichtete: „Vor etwa vier Wochen, da wir die starke Kälte hatten, nachmittags, hörten wir das laute Weinen eines Kindes auf der Straße; und aus dem Fenster blickend, sahen wir, wie drüben im Gefangenhaus der Inspektor ein junges Zigeunerweib mit zwei Kindern mit der Hundepeitsche auf die Straße trieb. Ihr Mann war wegen Diebstahlsverdacht (er wurde wenige Tage später freigegeben) eingezogen; und sie wollte nun mit Gewalt mit eingesperrt werden. Frierend und weinend irrte Sie nun auf der Straße herum, der größere Knabe schrie laut nach seinem Vater; die Dämmerung brach schon an, und draußen fror es 17 Grad. Die armen Menschen waren ohne Obdach, keine Seele erbarmte sich des Zigeunergesindels. Da haben wir, wie es sich für des Dichters Familie ziemte, die fahrende Heidin mit ihren Kindern an unsern Tisch gesetzt und sie mit heißem Kaffee und Semmeln erquickt. Aber dem schwarzhaarigen jungen Weibe wollte es nicht schmecken; sie dachte nur, wie der da drüben“ sich um sie quälen werde. Daß Lucie und den andern Kindern das zigeunerische Reden und der kleine lustige Junge, der sich aus dem Bündel auf ihrem Rücken loslöste, viel Spaß machte, könnt Ihr Euch wohl denken. Als nun aber die Leute satt und warm waren, da hatten wir noch nicht viel gewonnen. Nun aber trat Hans in Tätigkeit. Er ging mit ihnen in die kleinen Herbergen, zankte sich mit den Wirten; und da keiner sie aufnehmen wollte, ging er aufs Rathaus und dann zum Bürgermeister, und endlich hat er sie nach dessen Anweisung persönlich im hiesigen Armenhause untergebracht. Die Frau war schon so mutlos, daß sie sich mit ihren Kindern im Freien vor dem Stadttor niederlegen wollte.“

Nach oben